AccueilInternational graduate student conference : Die Figur des Zeugen / The figure of the witness

International graduate student conference : Die Figur des Zeugen / The figure of the witness

Interdisziplinäre Perspektiven auf eine soziale Institution des Wissens / Interdisciplinary Perspectives on a Social Institution of Knowledge

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Publié le jeudi 12 février 2009 par Raphaëlle Daudé

Résumé

The international graduate student conference "The figure of the witness. Interdisciplinary Perspectives on a Social Institution of Knowledge" is organized at the at the Department of Philosophy of the Free University Berlin. Graduates from philosophy, jurisprudence, history, social and cultural studies are invited to analyse and discuss the omnipresent phenomenon of testimony as a fundamental cultural institution of knowledge and knowledge-transmission.

Annonce

Die Figur des Zeugen. Interdisziplinäre Perspektiven auf eine soziale Institution des Wissens                       

Internationale Graduiertentagung des Instituts für Philosophie der FU Berlin

Organisation: Sibylle Schmidt, Barbara Janisch am Lehrstuhl Prof. Dr. Sybille Krämer

 Call for Papers

(English version below)

Ein Großteil dessen, was wir wissen, basiert auf Information durch Worte anderer. Die Figur des Zeugen, der von einem vergangenen Ereignis berichtet und es damit anderen zugänglich macht, verkörpert eine für die menschliche Lebenswelt fundamentale Wissenspraxis – sei es der Mittler von Alltagswissen, der Augenzeuge vor Gericht, der Zeit- bzw. Überlebenszeuge in der Historiographie, der wissenschaftliche Experte und schließlich auch der Glaubenszeuge, der durch sein Leben oder seinen Tod für seine Religion zeugt und sie tradiert.               

Umso erstaunlicher, dass Philosophen dieses Thema lange Zeit sehr eindimensional erörtert haben: Das Phänomen der Zeugenschaft wurde lediglich unter der erkenntnistheoretischen Frage diskutiert, ob das Wissen durch Zeugen überhaupt wirkliches Wissen sei. Doch ist das Problem des Zeugnisablegens damit erschöpft? Das Ziel der internationalen Graduiertentagung ist, die Figur des Zeugen als soziale Institution des Wissens zu untersuchen und dabei nicht nur den Informationscharakter, sondern auch ethische, politische und kulturelle Dimensionen in den Blick zu nehmen. Eine rechtshistorische und phänomenologische Analyse des Gerichtszeugen, der als Prototyp dieser Wissensinstitution betrachtet werden kann, soll als Ausgangspunkt dienen, um weitere Spielarten des Phänomens Zeugenschaft in Religionswissenschaft, Geschichtsschreibung, Philosophie, Naturwissenschaft, Literatur und Kunst zu untersuchen. Zu unterscheiden wird dabei sein, wovon hier jeweils Zeugnis abgelegt wird, und ob es um den Transfer eines positiven Wissens geht oder um das Zeugnisablegen selbst als ethisch-politischen Akt.

Die Praxis des Zeugnisablegens hat mannigfaltige Erscheinungsformen und, so kann man mit Renaud Dulong sagen, ist ein universales Element menschlicher Kultur. Zeugenschaft ist eine soziale Praxis, sie findet stets zwischen Sprecher und Publikum statt – als Zeuge gilt nur jemand, der als solcher von einer Zuhörerschaft akkreditiert wird, der als glaubwürdig gilt. Allerdings zeigen schon ältere Rechtsordnungen, dass der Zeuge stets einer gewissen Skepsis ausgesetzt ist – bevor seine  Aussage als Beweis gelten kann, muss seine Glaubwürdigkeit und persönliche Integrität auf den Prüfstand. Es gehört zum charakteristischen Dilemma des Zeugen, dass er seine eigene Vertrauenswürdigkeit nicht bezeugen kann. „Durch zweier Zeugen Mund/ wird allewegs die Wahrheit kund“ schreibt Goethe im „Faust“ (I, Vers 3013) und zitiert damit eine klassische juridische Regel, die in älteren Rechtsordnungen bestimmend für den Umgang mit Zeugen war: Eine Zeugenaussage musste von mindestens einem weiteren Zeugen bestätigt werden, um als voller Beweis zu gelten. Heute ist die Beweiskraft von Zeugen vor Gericht zusätzlich in Frage gestellt: Studien der experimentellen Aussagepsychologie belegen, dass die Aussage eines Zeugen – selbst wenn dieser nach bestem Wissen und Gewissen aussagt – ungenau, unzuverlässig und folglich kaum beweiskräftig sind. „Konkurrenz“ bekommt der Augenzeuge auch durch den verbreiteten Gebrauch von Videokameras, deren Objektive dem Paradigma des objektiven Sehens besser entsprechen. Während der Zeuge sich immer zuerst als integre Person bewähren muss, vermitteln technische Aufnahmen sofort eine gewisse Evidenz, wie Susan Sontag und Roland Barthes in ihren Essays zur Fotografie geschrieben haben (Roland Barthes: Die helle Kammer. Frankfurt a.M. 1985; Susan Sontag: Über Fotografie. Frankfurt a. M. 1980). Sprache verfügt nicht über diese Evidenz: Der, der sie benutzt, kann immer auch lügen. Darin, so schreibt Barthes, „liegt das Übel (vielleicht aber auch die Wonne) der Sprache: dass sie für sich selbst nicht bürgen kann“(Barthes 1985, S. 96).

Dieses von der Experimentalpsychologie konstatierte Defizit des Zeugen lässt sich aber positiv zu der Frage wenden: Was macht die Singularität des Zeugnisses im Gegensatz zur Aufnahme eines technischen Registriergeräts aus? Worin besteht die spezifische Wahrheit des Zeugnisses und seine Bedeutung für die Vermittlung und Erzeugung von Wissen?

Mögliche Fragestellungen:

-          Welche Rolle spielen Zeugen vor Gericht und für die rechtliche Verfassung einer Gesellschaft? Ist der Gerichtszeuge paradigmatisch für andere Phänomene der Zeugenschaft?

-          Welche Bedeutung haben Zeugen im religiösen Kontext – wie wird ihre Rolle im Judentum, Christentum oder Islam bestimmt?

-          Welchen Status haben Zeugen bei der Aufarbeitung von Geschichte? Der Historiker Herodot bezeichnete sich selbst als histor, was auch Zeuge bedeutet. Zugleich scheint aber eine klare Trennung zwischen Historiker und Zeitzeuge notwendig für eine sachliche Aufarbeitung der Geschichte.

-          Ist das Zeitzeugnis Wissensquelle, Indiz, Spur der Vergangenheit? Was ist mit Zeugnissen, die von einem traumatischen Erlebnis berichten und singuläre Bedeutung haben, wie etwa Überlebendenzeugnisse der Shoah?

-          Ist Zeugenschaft ein ethisches Problem?

-          Welche Funktion tragen Zeugen für die politische und kulturelle Identität einer Gemeinschaft? Haben Zeugen politische Macht – oder sind „Tatsachensprecher“ nicht vielmehr dadurch gekennzeichnet, dass sie außerhalb des politischen Diskurses stehen? (vgl. Hannah Arendt)

-          Welche Rolle spielen Zeugen im Spannungsfeld von Wissenschaft, Wahrheit und politischer Öffentlichkeit?

-          Welche Rolle spielen Zeugen in der Wissenschaft? In den empirischen Wissenschaften der Neuzeit tauchen Zeugen immer wieder als Boten und Bürgen des Wissens auf – seien es die Zeugen in der Geschichte,  in der Geographie, und die „Zeugen“ physikalischer Experimente  (vgl. Shapin und Schaffer)  – sie sind Mittler von Wissen, das man nicht selbst in Erfahrung bringen kann. Welche Rolle spielen Wissen durch Worte anderer und Vertrauen im heutigen wissenschaftlichen Diskurs?

-          Inwiefern sind Kunst und Literatur Zeugnisse? Sind Dichter Zeugen? Was bezeugen sie? Vermitteln sie Evidenz?

-          Schließlich: Wie verändern die technischen Medien unser Verständnis von Zeugenschaft? Machen allgegenwärtige Videokameras den Augenzeugen überflüssig? Machen Live-Sendungen im Fernsehen uns zu Zeugen eines entfernten Ereignisses?

Organisatorisches

Die Tagung beginnt mit einem Treffen oder Abendvortrag am 9. Juli 2009 und erstreckt sich dann auf die folgenden zwei Tage – 10./11. Juli 2009. Die Graduiertenvorträge sollten jeweils nicht länger 20 bis 30 Minuten dauern. Offizielle Tagungssprachen sind Deutsch und Englisch. Für auswärtige Referenten kommt die FU Berlin für maximal drei Übernachtungen auf. Fahrtkosten werden leider nicht erstattet. Bitte schicken Sie das Abstract des Beitragsvorschlags (etwa 500 Wörter) und ein kurzes CV in getrennten Dateien bis zum 30. April an Barbara Janisch: janischb@gmail.com oder Sibylle Schmidt: sibylle.schmidt@fu-berlin.de. Unsere Internetseite finden Sie unter http://userpage.fu-berlin.de/babascha.                  

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The Figure of the Witness. Interdisciplinary Perspectives on a Social Institution of Knowledge

International Graduate Student Conference at the Department of Philosophy / Free University Berlin.

Conference Organizers: Sibylle Schmidt, Barbara Janisch and Prof. Dr. Sybille Krämer

Call for Papers

A great deal of what we know is based on information from the words of others. The figure of the witness who gives an account of past events and by doing so makes these events available to others embodies the fundamental practice of human knowledge – whether as an intermediary of everyday knowledge or an eyewitness in court, a contemporary witness or a survivor of a historical event, a scientific expert or a martyr whose life and death is a testament to his faith and religion.

It is surprising that for a long time philosophers have treated this subject very one-dimensionally: The problem of testimony has long been discussed only as an epistemological issue regarding whether knowledge by the words of witnesses can be considered true knowledge. But is this all we can say about the problem of testimony? The intent of this international graduate student conference is to reinvestigate the figure of the witness as a social institution of knowledge and to analyze not only the informational character but also ethical, political and cultural dimensions. As a starting point, we shall use the juristic origin of the witness and its history as well as a phenomenological analysis thereof in order to investigate further varieties of the phenomenon that testimony is in religious studies, historiography, philosophy, natural science, literature and art. In each case we will have to distinguish between what is being testified and to what extent it is a transfer of positive knowledge or rather testifying as an ethical and political act.     

The practice of testifying has various manifestations and, according to Renaud Dulong, is a universal element of human culture. Testimony is a social practice that always takes place between a speaker and an audience – only someone who is accredited by the audience, who is reckoned to be credible, can be a witness. However even older legal systems have always shown a certain skepticism towards witnesses  – before a witness’ statement was accepted as evidence his credibility and personal integrity had to be considered. It is part of the characteristic dilemma of the witness that he cannot prove his own trustworthiness. When Goethe writes in “Faust” (Part I, verse 3013): “what two witnesses declare/ Is held as valid everywhere” he quotes a classic legal rule that was determinant for the way witnesses were treated in all older legal codes: testimony had to be confirmed by at least one further witness to count as solid evidence.

Today the evidentiary value of witnesses in court is constantly being questioned. Studies in experimental legal psychology show that statements of witnesses – even if they are testifying to the best of their conscience – are inaccurate, unreliable and therefore rather inconclusive. Furthermore commonly used video cameras whose lenses conform much better to the paradigm of objectivity also compete with witnesses. While a witness has to prove his integrity, technical recordings convey a certain kind of evidence immediately, as Susan Sontag and Roland Barthes have pointed out in their essays on photography (Roland Barthes: Camera Lucida, Reflections on Photography, New York, 1981; Susan Sontag: On Photography, Penguin, London 1977). Language does not possess this kind of evidence: The person using it could be lying. Barthes writes: “It is the misfortune (but also perhaps the voluptuous pleasure) of language not to be able to authenticate itself”. (Barthes: Camera Lucida, chapter 36, NY 1981, p. 85).

But the deficiency of the witness as exposed by experimental psychology might be turned into something positive in the following question: What is specific about testimony in contrast to a technical recording instrument? What specific truth does testimony convey and what does it mean for the transmission and the generation of knowledge?

We would like to suggest the following questions for discussion:

-          What part does the witness play in court and what is his role in the legal system of a society? Is the witness paradigmatic for other phenomena of testimony?

-          What meaning do witnesses have in religious contexts – how are their roles defined in Judaism, Christianity or Islam?

-          What status do witnesses have in the examination and the reappraisal of historical events? The historian Herodotus called himself a histor, which also means witness. At the same time, we seem to need a strict distinction between historians and contemporary witnesses to be able to undertake a factual reappraisal of history.

-          Is the report of a contemporary witness a source of knowledge, evidence, or a trace of the past? What about testimonies that are accounts of traumatic experiences and therefore have a singular significance such as the testimonies of Shoah survivors?

-          Is testimony an ethical problem?

-          What role do witnesses play for the political and cultural identity of a community? Do witnesses have political power – or are those that “say facts” characterized by their position outside of the political discourse? (cp. Hannah Arendt)

-          What role do witnesses play in the area of tension between science, truth and political public?

-          What role do they play in the sciences? In the empirical sciences of modern times witnesses appear consistently as envoys and guarantors of knowledge – whether as witnesses in history, in geography or “witnesses” of physical experiments (cp. Shapin and Schaffner) – they are intermediaries of knowledge that one cannot find out for oneself. What role does trust and knowledge based on the words of others play in present-day scientific discourse? 

-          To what extent are art and literature testimony? Are poets witnesses? What do they testify? Do they transmit evidence?

-          And finally: How do technical media change our understanding of testimony? Will ubiquitous video cameras supersede eyewitnesses? Does live transmission on TV make us witnesses of events?

Further information:

The conference will begin with either a meeting or an evening lecture on July 9th 2009 and will span the two following days – July 10th and 11th (Friday and Sunday). The graduate lectures will last 20-30 minutes. The conference languages will be German and English. Please submit your abstract and a short CV until April 30th 2009 as two different files to Barbara Janisch: janischb@gmail.com or Sibylle Schmidt: sibylle.schmidt@fu-berlin.de. The abstract should not be longer than 500-700 words. We would appreciate a short bibliography with the abstract. The FU Berlin will provide three nights accommodation for foreign speakers. We are sorry, but we do not refund travelling expenses. You will find further information on our website: http://userpage.fu-berlin.de/babascha

Catégories

Lieux

  • Allemagne
    Berlin, Allemagne

Dates

  • jeudi 30 avril 2009

Mots-clés

  • philosophie, témoignage, savoir, epistemologie sociale

Contacts

  • Sibylle Schmidt
    courriel : sibylle [dot] schmidt [at] fu-berlin [dot] de

Source de l'information

  • Sibylle Schmidt
    courriel : sibylle [dot] schmidt [at] fu-berlin [dot] de

Pour citer cette annonce

« International graduate student conference : Die Figur des Zeugen / The figure of the witness », Appel à contribution, Calenda, Publié le jeudi 12 février 2009, http://calenda.org/196573