StartseiteSolidarität denken und praktizieren: Frankreich, Deutschland, Europa und die Welt im 19. und 20. Jahrhundert

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Solidarität denken und praktizieren: Frankreich, Deutschland, Europa und die Welt im 19. und 20. Jahrhundert

Penser et pratiquer la solidarité : France, Allemagne, Europe et le monde, XIXe et XXe siècles

Solidarity: thinking and practice - France, Germany, Europe and the world, 19th and 20th century

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Veröffentlicht am Dienstag, 26. September 2017 bei Céline Guilleux

Zusammenfassung

L’objectif du colloque organisé conjointement par le Comité franco-allemand des historiennes et historiens des XIXe et XXe siècles et l’université de Strasbourg est de mettre en valeur l’histoire de la pensée et de la pratique solidaire à l’époque contemporaine, dans un espace national comme transnational. Dans quelle mesure y-a-t-il eu des convergences, des divergences ou des interactions dans l’évolution des pensées et des pratiques de solidarité en France et en Allemagne, mais aussi en Europe et dans le monde ? Qu’en est-il des paradoxes ou des contradictions dans le débat sur la solidarité ?

Inserat

Einladung zum Beitrag zur Tagung des Deutsch-Französischen Historikerkomitees für die Erforschung des 19. und 20. Jahrhunderts, Straßburg, 11.-13. Okt. 2018

Präsentation

Rivalität oder Solidarität, diese Optionen scheint die Menschheit angesichts großer Herausforderungen abzuwägen. Solidarität kann sich aus vielfältigen Quellen speisen: der zwischenmenschlichen Empathie, dem Willen zur Selbstorganisation, oder auch aus der von der Vernunft geleiteten, bürokratischen Organisation von Gesellschaft etwa im Rahmen des Nationalstaates. Ein Bedürfnis nach Solidarität erwächst insbesondere aus Krisen, aber auch aus der fortwährenden Spezialisierung der Arbeit, die die wechselseitige Abhängigkeit von Menschen verstärkt und die einher geht mit der komplexer werdenden Gesellschaftsordnung. Zunächst begrenzt auf einen engen geographischen, sozialen und politischen Raum, scheint Solidarität heute in dem Maße ihre Grenzen auszuweiten, wie die Kommunikation über größere Räume zunimmt und der « Andere », der zuvor Ausgeschlossene, näher rückt. Damit Solidarität sich konkretisiert, bedarf es jedoch nicht nur einer Technik, die den Austausch erleichtert, es bedarf vielmehr auch einer Idee, eines Bewusstseins, das sich verbreitet, und einer Reihe kultureller Praktiken, die sich den ständig verändernden Umständen anpassen.

Das Ziel der Tagung, die vom Deutsch-Französischen Historikerkomitee und der Universität Straßburg gemeinsam organisiert wird, ist es, nationale und transnationale Ideen und Praktiken der Solidarität in der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts herauszuarbeiten und im größeren historischen Verlauf zu verorten. Ausgangspunkt der Untersuchungen sind der deutsch- und der französischsprachige Raum, doch angrenzende oder entfernte Räume, so der transatlantische Raum, der europäische oder globale Süden, oder die beiden « Europas » des Kalten Krieges sollen dort berücksichtigt werden, wo Ideen und Praktiken der Solidarität sie einbeziehen.

Der Begriff « Solidarität » mag neu erscheinen und entbehrt nicht einer medialen Aktualität. Tatsächlich aber spielt er in der öffentlichen Debatte bereits seit Langem eine Rolle, wie das Werk « Solidarité » (1896) des radikalen Parlamentsabgeordneten Léon Bourgeois belegt, das zur Entwicklung seiner Theorie des Solidarismus beigetragen hat. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt sich unter Rekurs auf denselben Begriff die katholische Soziallehre im deutschen Sprachraum. Solidarismus opponiert nicht gegen Nächstenliebe oder karitative Praktiken, die in einem kohärenten System christlicher politischer Ökonomie ihren Platz finden.  Versteht man den Begriff breiter im Sinne eines gesellschaftlichen Bandes der Menschlichkeit zwischen Gleichen, entspringt daraus der im 19. Jahrhundert weit verbreitete Begriff der Philanthropie, der die Handlungen derer bezeichnet, die sich ohne explizit religiösen Bezug ihrem Nächsten widmen. Ende des 19. Jahrhunderts verankert sich der Solidaritätsgedanke in der Arbeiterbewegung, ihren gewerkschaftlichen, genossenschaftlichen und politischen Formen.

Im 20. Jahrhundert kommt es zur massiven Ausweitung und Umdeutung solidarischer Praktiken im nationalen wie transnationalen Rahmen. Während der Wohlfahrtsstaat/Sozialstaat in den nördlichen Ländern Europas konsolidiert wird und seinen Siegeszug durch den Kontinent beginnt, erwachsen während der Weltkriege aus der Zivilgesellschaft neue Solidaritätsbewegungen zum Schutz von Kindern, von Kriegsgefangenen, von politisch oder religiös Verfolgten sowie für diejenigen, die vor Hunger und terroristischer Gewalt fliehen. Die Hungersnöte der fünfziger Jahre, Kriege der Dekolonialisierung und Umweltkatastrophen rufen neue Vorstellungen und Praktiken der Solidarität ins Leben. Im europäischen Kontext bildet sich ein Zusammenhang heraus zwischen dem Machtverlust des Nationalstaates und der Entwicklung einer europäischen Solidarität.

Aus welchem Kontext gingen Ideen und Praktiken der Solidarität jeweils hervor? In welchem Maße gab es Konvergenzen, Divergenzen oder Interaktionen bei der Herausbildung von Gedanken und Praktiken der Solidarität nicht nur in Frankreich und Deutschland, sondern auch in Europa und der Welt? Wie werden Paradoxien und Widersprüche (Inklusion/Exklusion) in Debatten über Solidarität behandelt? Seit wann kann man von einer Europäisierung von solidarischen Praktiken in Deutschland und Frankreich, auch gegenüber dritten Ländern, sprechen? Um diesen Fragen nachzugehen, schlagen die Organisatoren ein breites Spektrum an Themen vor, die sowohl aus kultur- und/oder gesellschaftsgeschichtlicher, als auch wirtschafts- und/oder politikgeschichtlicher Perspektive betrachtet werden können. Zugleich ermuntern wir Forscherinnen und Forscher ausdrücklich, Perspektiven und Themen vorzuschlagen, die über das angedachte Spektrum hinausgehen.

I. Französische und deutsche Konzepte von Solidarität in historischer Perspektive.

Hier geht es nicht darum, neue theoretische Reflexionen über Solidarität anzustellen, sondern vielmehr darum, das Thema begriffsgeschichtlich und aus diachronischer Perspektive anzugehen, wobei bis zum frühen 19. Jahrhundert oder sogar bis in die frühe Neuzeit zurückgegangen werden kann, z.B.

  • Begriffsgeschichte in der Langzeitperspektive
  • Solidarismus bei Durkheim und anderen französischen Soziologen

II. Sozialismus und Christentum : Milieus, Traditionen, Praktiken und Ziele der frühen Solidarbewegungen

  • Karitative Praktiken, erste Vereinigungen und Bewegungen der Solidarität
  • Katholischer Solidarismus und katholische Soziallehre
  • Sozialistischer, gewerkschaftlicher und genossenschaftlicher Solidarismus
  • Der « radikale » Solidarismus bei Léon Bourgeois

III. Der Wohlfahrtsstaat in Frankreich und Deutschland : Geschichte der Gegensätze oder der Konvergenzen ?

  • Soziale Risiken und Strategien zu ihrer Einhegung
  • Versicherungswesen, Systeme der Solidarität oder bürokratische Nutznießer von Risiken ?
  • Der Nationalstaat, Begründer und/oder Nutznießer von Solidarität ?

IV. Solidarität, Zivilgesellschaft und private Akteure

Hier gibt es viele Beispiele, der Forschungsstand ist unterschiedlich. Einige Vorschläge :

  • Rotes Kreuz und Frankreich und Deutschland : Patriotische oder internationale Solidarität ?
  • Solidarität mit Kriegsgefangenen : humanitäre Organisationen und politische Haltungen
  • Kinderschutz und humanitäre Vereinigungen in Deutschland und Frankreich in Krieg und Nachkriegszeit
  • Politische und religiöse Häftlinge in Diktaturen und Kolonien : Praktiken der Solidarität ?
  • Arbeit und Kooperationen von Menschenrechtsorganisationen
  • Zeugnisse der Solidarität deutscher und französischer Intellektueller

V. Internationaler Solidarismus in Deutschland und Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg

  • Humanitäre und Entwicklungshilfeorganisationen in Deutschland und Frankreich 
  • Kalter Krieg und West-Ost-Solidarität 
  • Frankreich, Deutschland und die polnische Krise (1979-1989)
  • Das ‘Monitoring’ der Einhaltung der Prinzipien von Helsinki

VI. Innereuropäische Solidarität und europäische Solidarität mit außereuropäischen Gesellschaften

  • Entwicklung der Idee einer europäischen Solidarität
  • Akteure und Praktiken europäischer Solidarität
  • Europäische Solidarität auf dem Prüfstand : Regulierung des Wettbewerbs ohne Regulierung des Sozialstaates ?
  • Europäische Solidarität auf dem Prüfstand : Historische Überlegungen über finanzielle (und fiskalische) Solidarität
  • Europa und sich entwickelnde Welt : Solidarität und Konkurrenz

VII. Andere Vorschläge (offen)

Einreichung

Kontakte : Catherine Maurer (catherine.maurer@unistra.fr) et Matthias Schulz (Matthias.Schulz@unige.ch)

Bitte senden Sie uns Ihre Vorschläge (per Email) mit vorläufigem Titel und max. einer Seite Text sowie ggf. einem kurzen Lebenslauf

bis zum 29. November 2017.

Wissenschaftlicher Beirat

  • Emmanuel Droit (Institut d’études politiques de Strasbourg, Université de Strasbourg),
  • Anne Kwaschik (Deutsches Historisches Institut),
  • Catherine Maurer (Université de Strasbourg),
  • Hélène Miard-Delacroix (Université Paris-Sorbonne),
  • Matthias Schulz (Université de Genève),
  • Guido Thiemeyer (Heinrich Heine Universität Düsseldorf)

Orte

  • MISHA - allée du Général Rouvillois
    Straßburg, Frankreich (67083)

Daten

  • Mittwoch, 29. November 2017

Schlüsselwörter

  • solidarité, France, Allemagne, Europe

Kontakt

  • Catherine Maurer
    courriel : catherine [dot] maurer [at] unistra [dot] fr

Informationsquelle

  • Catherine Maurer
    courriel : catherine [dot] maurer [at] unistra [dot] fr

Zitierhinweise

« Solidarität denken und praktizieren: Frankreich, Deutschland, Europa und die Welt im 19. und 20. Jahrhundert », Beitragsaufruf, Calenda, Veröffentlicht am Dienstag, 26. September 2017, https://calenda.org/416401

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