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Marginalität im Mittelalter: Ausdrucksformen und Deutungen

Dire et penser la marginalité au Moyen Âge

Dire e pensare la marginalità nel Medioevo

Telling and Thinking Marginality in the Middle Ages

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Veröffentlicht am Dienstag, 24. Februar 2026

Zusammenfassung

Das traditionelle kolloquium der Jeunes Chercheur·euses Médiévistes (JCM) finden dieses Jahr am 12. und 13. März 2026 an der Universität Freiburg im Üechtland statt. In interdisziplinärer Ausrichtung sind sie dem Thema der Marginalität im Mittelalter gewidmet.

Inserat

Präsentation

Das traditionelle Kolloquium der Jeunes Chercheur·euses Médiévistes (JCM) finden dieses Jahr am 12. und 13. März 2026 an der Universität Freiburg im Üechtland statt. In interdisziplinärer Ausrichtung sind sie dem Thema der Marginalität im Mittelalter gewidmet.

Im Französischen bedeutet der Begriff marge zunächst „Rand, Begrenzung einer Sache (allgemeinen)“ (seit 1125), bevor er im 13. Jahrhundert die besondere Bedeutung „leerer Rand einer beschriebenen Seite“ (FEW 6 : 334a) annahm und schließlich im 15. Jahrhundert in adjektivischer Form „das, was sich am Rand einer Seite befindet“ (FEW 6 : 335a). Der Begriff marginalité bzw. Marginalität wiederum ist ein Derivat vom Adjektiv marginal, das in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (ca. 1965) geprägt wurde, um weitere Vorstellungen zu vermitteln, insbesondere jene der sozialen Anomalie (DHLF). Diese terminologische Feststellung lädt dazu ein, über ein komplexes Phänomen nachzudenken, dessen Realität nach wie vor unscharf bleibt. Bettler, Prostituierte, Leprakranke, Beginen, Vagabunden usw. bilden im Mittelalter eine schwer zu fassende Bevölkerungsgruppe, die zugleich vom Rest der Gesellschaft abhängig und ausgeschlossen ist ; sie befindet sich marginal und am Rande bestimmter sozialer Normen. Doch von welchen Normen und Formen von Marginalität ist hier genau die Rede ? Und wie lässt sich dieser moderne, bewusst anachronistische Begriff für die Untersuchung des Mittelalters anwenden ?

Soziale Marginalität

Um diese Fragestellungen zu beantworten, möchten wir uns zunächst den sozialen Rändern zuwenden. Dabei kann man sich für die Stellung und den Status leidender oder ‚abweichender’ Körper (Delattre 2018) in mittelalterlichen Gesellschaften interessieren, wie etwa diejenigen von Leprakranken oder Menschen mit Behinderung. Betroffen können aber auch Individuen sein, die aufgrund ihrer Religion oder ihres Berufs marginalisiert werden. Mehrere Berufsgruppen gelten als verächtlich oder minderwertig : zum Beispiel jene, die mit Reinigung zu tun haben (Straßenkehrer, Wäscherinnen) ; jene, die mit Blut in Berührung kommen (Metzger, Chirurgen, Totengräber usw.) ; oder Tätigkeiten, die als moralisch verwerflich angesehen werden (Prostituierte, Schauspieler,‚Wucherer’, Geldverleiher) (Zaremska 2004 : 639–640). Ebenso können religiöse Praktiken, Riten und Kulte Effekte der Marginalisierung, der abgrenzenden Gemeinschaftsbildung oder des offenen Konfliktes erzeugen – oder aber im Gegenteil eine gemeinschaftliche Durchmischung fördern (Montesano 2021 : 17). Wie wurden Glaube und religiöse Praxis in der literarischen Sphäre behandelt ? Wenn auch die Schriften christlicher Theologen eher eine abgrenzende und marginalisierende Haltung gegenüber religiöser Alterität aufweisen, so gab es dennoch Beispiele für Toleranz und Inklusivität, wie beispielsweise die berühmte novella I, 3 aus Boccaccios Dekameron zeigt.

Das Phänomen der Marginalisierung kann auch mit der sozialen Geschlechtsrolle von Individuen zusammenhängen (Klapisch-Zuber 2004). Neuere Studien haben die mögliche Emanzipation von Frauen hervorgehoben, sei es durch das Beispiel der Beginen oder von Schriftstellerinnen (Bartoli, Manzoli, Tonelli 2023 ; Bartoli, Garbini, Manzoli 2024 ; Howes 2024). Frauen werden von vielen männlich geprägten Räumen ausgeschlossen und entwickeln verschiedene geschlechtsspezifische Strategien, um gesellschaftliche Ränder zu verlassen – wie etwa das cross-dressing bestimmter Heiligen (Maillet 2020) oder das „maskulinisierende“ Schreiben der trobairitz (LeNan 2021). Gemeinsam ist diesen Strategien das Verbergen ihrer weiblichen sozialen Identität in einer maskulinen Performativität, die es ihnen in den Augen der Gesellschaft ermöglicht „Männer zu werden“. Auch Männer können sozial ausgeschlossen werden. Bestimmte Kategorien von Männern, die zu sehr von den Normen hegemonialer Männlichkeit abweichen (McNamara 1994), werden ausgegrenzt – so z. B. ‚Verweiblichte’ oder ‚Sodomiten’ (Mills 2012). Je nach ihrer sozialen Kategorie müssen Männer einer kodifizierten Männlichkeit entsprechen, um nicht marginalisiert zu werden. Wie geben uns die Quellen Auskunft über die Strategien derjenigen, die von diesen Normen abweichen ?

Marginale Räume

Das Besondere an einem marginalen Raum ist, dass er zugleich in das Objekt eingeschlossen ist und doch von ihm ausgeschlossen bleibt. Wir möchten fragen, inwiefern dieser Schwellenraum als Vermittler zwischen einem Werk, einem Ort, einem Objekt und dem Rest der Welt fungiert. Ebenso stellt sich die Frage, inwieweit seine räumliche Positionierung – am Rand, an der Peripherie – den Sinn oder den Wert widerspiegelt, der den marginalen Elementen zugeschrieben wird, seien es soziale Gruppen, Objekte, Orte oder Artefakte (Camille 1992).

Auch im Bereich städtischer Raumstrukturierung lassen sich Diskriminierungen gegen marginalisierte Bevölkerungsgruppen erkennen. Prostituierte und Leprakranke sind zwei konkrete Beispiele für soziale Gruppen, die im urbanen Raum zugleich ausgeschlossen und einbezogen sind. Prostituierte werden etwa entweder gezwungen, extramuros zu leben, oder werden in Bordellen intramuros eingewiesen, wobei beide Situationen auch simultan existieren können (Roby 2016 : 136– 137). Leprosorien, die aus gesundheitspräventiven Gründen ebenfalls extramuros angesiedelt sind, profitieren gewissermaßen von dieser Lage : Diese ermöglichte es den Kranken, mit der städtischen Bevölkerung in Kontakt zu stehen, am regen Handelsverkehr teilzunehmen und Almosen von Passanten zu erhalten, welche die Leprakranken als privilegierte Heilsvermittler betrachten (Brenner 2010 ; Le Blévec 2008).

Sowohl im Westen als auch im lateinischen Osten bieten Adelshäuser, die an den Rändern eines Fürstentums oder Königreichs ansässig waren, ein gutes Beispiel für die Spannung zwischen Chancen und Zwängen marginaler Lage. Diese „noblesse des marches“ ist in Fragen der territorialen Kontrolle eingebunden und findet sich etwa im Spannungsfeld zwischen der Loyalität zum Fürsten und der Ausweitung von Beziehungen oder dem Streben nach dynastischer Autonomie und der Notwendigkeit, sich an den politischen und kulturellen Kontext anzupassen (Paviot et al. 2017 ; Chevalier & Ortega 2017). Mauern, Befestigungen und Grenzen dienen nicht nur der Verteidigung, sondern kartieren auch bestimmte soziale Vorstellungen (Frontières 2021). Gleiches gilt für die Wahrnehmung der Weltenränder. Reiseliteratur wie Le Livre de Jean de Mandeville oder Marco Polos Buch der Wunder, ebenso wie visuelle Darstellungen (z. B. das Rosenfenster der Kathedrale von Lausanne, 13. Jh.), zeigen die Beziehung mittelalterlicher Zeitgenossen zur Alterität und zum Unbekanntem (Girinon & Lejosne 2024 ; Josserand & Jerzy 2017).

Ein weiterer marginaler Raum findet sich im Codex. Die Marginalien der illuminierten Handschriften des 13. bis 15. Jahrhunderts, die oft fantastische oder obszöne Wesen, Szenen oder Objekte darstellen (Wirth 2008), sind wie jedes mittelalterliche Artefakt an ihr Umfeld gebunden. Ihre Untersuchung beleuchtet die Interaktion zwischen dem Objekt und seiner Peripherie. Wir schlagen zwei – nicht erschöpfende – Zugänge zu dieser Beziehung vor : Liminale Räume – marges und Ränder – können durch das Prisma der ästhetischen Ornamentik, des ornatus (Bonne 1996), betrachtet werden. Die Elemente am Rande des Textes im Codex lassen sich aber auch narratologisch als Paratext verstehen (Brown-Grant et al. 2019 ; Stout 2021).

Auch Glossen, die zunächst ausgeschlossen scheinen, können mit dem Text interagieren, wie das Beispiel der Textüberlieferung der Eschés amoureux und des Prosakommentars Évrart de Contys, Livre des eschez amoureux moralisés, zeigt (Mussou 2006).

Zwischenräume als marginale Räume

Der marginale Raum lässt sich auch als Zwischenraum betrachten, der in die Überschneidungs- und Übergangsräume eines homogenen Ganzen eingeschrieben wird, ohne dass er eine radikale und klar markierte Alterität darstellt. Nach Foucault manifestiert sich die mittelalterliche Raumvorstellung in einer allgemeinen Hierarchisierung nach vielfältigen Kriterien, wie z. B. heilig/profan, offen/geschlossen, städtisch/ländlich, himmlisch/irdisch (Foucault 1967). Diese Hierarchisierung schafft zwischenräumliche Kreuzungen und bringt „andere Räume“ hervor, die man als marginal bezeichnen könnte, wobei er von hétérotopies spricht (Friedhöfe, Theater, Gärten, Bibliotheken, Kasernen, Jahrmärkte, Harems).

Bestimmte Gruppen bilden sich auch jenseits des Raums, in einem beweglichen Nicht-Ort – seien es Söldnertruppen, Armeen im Feld, Straßenhändler und -Künstler oder Pilgergruppen, die eigene Gemeinschaften jenseits der etablierten Strukturen schaffen. Doch auch im urbanen Raum gibt es Zwischenräume, die zwar toleriert, aber nicht offiziell anerkannt wurden– Straßenränder, Wanderbühnen, Wagen von Chirurgen, Predigtpodien usw. –, Orte, an denen marginale Präsenz den offiziellen Logiken entgeht und sich doch in gesellschaftliche Dynamiken einfügt (Lefebvre 1974). Der Zwischenraum kann auch zum Raum des Widerstands gegenüber den bestehenden Strukturen werden : In diesem Fall wird es nicht erlitten, sondern aktiv angeeignet. So etwa bei religiösen Gemeinschaften, die alternative Lebensformen propagieren und als dissident wahrgenommen werden (Waldenser, Dolcinianer, Katharer, Hussiten usw.).

Der Zwischenraum kann auch eine identitätsstiftende Funktion haben, indem er die Bedingungen jener festschrieb, die weder völlig zu der einen noch zu der anderen Welt gehören (Migranten‚ Mischlinge’, Geschlechter- oder Religionsminderheiten, Sklaven) – sei diese räumliche Marginalisierung erzwungen (Ghetto, Kasernen), selbst organisiert (Zunftviertel) oder organisch gewachsen (ethnische oder religiöse Gemeinschaften) (Conesa Soriano & Pilorget 2016). Umgekehrt kann es auch zur Entindividualisierung beitragen und das, was Augé als Non-Lieu bezeichnet, darstellen (Augé 1992). Als third space können Zwischenräume ebenso Katalysatoren für Begegnung und kulturelle Hybridität sein, die Identitäten erlauben, sich jenseits von Dualismen neu zu erfinden (Bhabha 1994). Sie werden dann zu Orten der Produktion und Innovation, zu Laboratorien sozialer, kultureller und politischer Experimente. Das Interstitium, so bedeutend in der Philosophie Deleuzes (1995), ist ein bevorzugter Ort der Erzeugung und Neuschöpfung. In diesem Sinne verkörpern Literatur und Kunst diese Verschiebung – oder, wie von Blanchot formuliert : „sie überschreiten den gegenwärtigen Ort und Moment, um sich an die Peripherie der Welt zu stellen“ (1997 : 326).

Programme

Jeudi 12 mars

13:30 Accueil 

14:00 Introduction

SESSION I : Le laid, la brute et le mendiant : représentations littéraires des marges

  • 14:30 Hugo Tullii (Université de Neuchâtel)
    « Barbe ou menton ; elle me fait trambler. ». Revendication de la marginalité par l’érotisation de la laideur à la fin du Moyen Âge
  • 15:05 Tilleane Charavel (Université de Lausanne)
    Conscience présente de la marginalité : Girart de Roussillon, Wien, ÖNB, Cod.2549

15:40 Pause

  • 16:00 Smilla Steiner (Université de Lausanne)
    La poésie de William Dunbar (XVe-XVIe s.) comme outil pour faire émerger les voix oubliées dans James IV : Queen of the Fight (2022) de Rona Munro
  • 16:35 Camille Rivoire (Université de Toulon)
    Marges et marginalités du Mystère de la Passion de Jésus-Christ, ms. Paris, BnF, nouv. acq. fr. 28471

17:10 Pause

  • 18:00 Conférence plénière: Prof. Marina Montesano (Università degli Studi di Messina)
    Marginality and Otherness. Themes, Problems, Representations

Vendredi 13 mars

9:00 Accueil

SESSION II : Faire la marge: élaboration et stratégies

  • 9:15 Tom Oubelkhir (Université Lyon 2 Lumière et Université de Lausanne)
    Renvoyer l’Islam des marges aux marges de la mémoire : le chiisme syrien dans la chronique Ḍayl Tārīḫ Dimašq (Continuation de l’histoire de Damas : 1048-1160) d’Ibn al-Qalānisī.
  • 9:50 Livia Bausi (Università degli Studi di Firenze)
    Luoghi di culto condivisi come interstizi nel Medio Oriente medievale 
  • 10:25 Milan Herlth (Universität Zürich)
    Damit das man die erkenn den man solichs almosen geben sol: Zur Konstruktion der ‘Hausarmen’ in Freiburg i.Ü. im 15. und 16. Jahrhundert

11:00 Pause

SESSION III : Marges Concrètes - sur la page, sur le mur 

  • 11:20 Denise Ugliano (Università degli Studi di Napoli)
    Paratextes et émotions dans les marges des manuscrits napolitains de Sénèque le tragique
  • 11:55 Anna Adashinskaya (University of Thessaly, Volos)
    Graffiti in Moldavian Painted Churches (16th–18th c.): Marginal Texts on the Margins of Images

12:30 Repas

SESSION IV : Lunettes marginales: relire texte et histoire au prisme de la marginalité

  • 14:10 Morgane Leclerc (Université Jean Moulin Lyon 3 et Université de Lille)
    Dire et penser un espace de la marge : pour une approche géopoétique des îles médiévales 
  • 14:45 Priscilla Benke (Université Caen Normandie)
    Repenser la société médiévale par la lecture d’un poème « en marge » : le Dittamondo de Fazio degli Uberti
  • 15:20 Letizia Nuscis (Università degli Studi di Teramo)
    Gostanza di Vanni Bonaccorsi : marginalità e azione in una disputa ereditaria trescentesca

15:55 Conclusion
16:15 Fin

 

Orte

  • Bâtiment Miséricorde 8, salle 0101 et Miséricorde 10, salle 01.13 - Rue de Rome 6 & 8
    Freiburg, Schweiz (1700)

Veranstaltungsformat

Hybridveranstaltung


Daten

  • Donnerstag, 12. März 2026
  • Freitag, 13. März 2026

Schlüsselwörter

  • jcm, marginalité, interdisciplinarité

Kontakt

  • Comité d'Organisation des JCM26
    courriel : jcm [dot] unifr [at] gmail [dot] com

Informationsquelle

  • Bastien Racca
    courriel : jcm [dot] unifr [at] gmail [dot] com

Lizenz

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Zitierhinweise

« Marginalität im Mittelalter: Ausdrucksformen und Deutungen », Fachtagung, Calenda, Veröffentlicht am Dienstag, 24. Februar 2026, https://doi.org/10.58079/15rea

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