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The geometry of medieval images

Mittelalterliche Bildgeometrie

La géométrie des images médiévales

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Published on Monday, November 21, 2016 by Elsa Zotian

Summary

Mittelalterliche Bildräume, so meint man zu wissen, sind nicht nach den Regeln der Perspektive konstruiert und gelten daher oft als a-perspektivisch. In Wirklichkeit liegt jedoch auch dem „mittelalterlichen“ Bild eine bestimmte Geometrie zugrunde, in deren bewegter Geschichte dennoch gewisse einheitlich grundlegende Strukturen erkennbar sind. Diese verschwinden Ende des 16. Jahrhunderts definitiv aus der Konstruktion von Bildräumlichkeit. Das Kolloquium soll den Blick auf die Grundlagen und die Geschichte dieser Bildgeometrie wieder öffnen und damit der nur retrospektiv negativen Beschreibung mittelalterlicher Bildräumlichkeit als gewollt oder ungewollt a-perspektivisch, rudimentär oder naiv eine konkret positive Beschreibung entgegensetzen. Die mittelalterliche Bildgeometrie in ihren höchst vielfältigen Varianten ist nicht defizitär, sondern hochgradig effizient und kann wesentlich präziser rekonstruiert werden, als bisher geschehen ist.

Announcement

Präsentation

Dabei gehen wir von einem historischen Phänomen aus, das zwar bereits Gegenstand von Spezialuntersuchungen geworden ist, dessen allgemeine Bedeutung jedoch immer noch unterschätzt wird: die Diagramme und Schemazeichnungen, welche wissenschaftliche, populäre und geistliche Literatur illustrieren. Wir denken insbesondere etwa an kosmologisch-geographische, geometrisch-optische Schemata und Schemata in Logik-Traktaten. Manchmal liegt ihr Zusammenhang zur Bildkunst der gleichen Zeit auf der Hand, wenn sie etwa ohne bedeutende Veränderungen in figürlichen Darstellungen übernommen werden, wie das Schema der konzentrischen Kreise in allegorischen Texten. Es gibt aber auch tiefer liegende, strukturelle Zusammenhänge zwischen wissenschaftlichen und vulgarisierenden Schematisierungen einerseits und der Konstitution von Bildräumlichkeit andererseits. Auch in diesem Bereich gibt es einige schlagende Beispiele wie etwa die Konstitution der Bildräumlichkeit einer ganzen Kuppel bei Giusto de‘ Menabuoi in Padua, die sich offensichtlich an populären schematischen Darstellungen des Kosmos orientiert, oder die Geometrie der Aufteilung bunter Glasfenster besonders in der ersten Hälfte des 13. Jahrunderts. Aber die Schemata werden nicht nur als geometrische Grundlage der Räumlichkeit von Bildern benutzt, sondern sie können in gewissen Zusammenhängen ihrerseits als Objekte in Bildräumen auftreten. Dies ist z.B. mit den durch Sacrobosco verbreiteten Schemata des Universums geschehen, die wir in zahlreichen Genesisdarstellungen in der Hand des Schöpfers wiederfinden.

Die genannten Schemata wären demnach herausragend dazu geeignet, die Beziehung von Geometrie, Raum und Bild im Mittelalter in den Blick zu rücken und zu begreifen. Die Ausarbeitung der durch sie möglichen besonderen Form von Räumlichkeit erlaubt es in der Folge, den Ursprung der Renaissance-Perspektive selbst, ihre Entstehungsgeschichte sowie ihre wirkliche Funktionsweise grundlegend neu zu interpretieren. Man lernt unter anderem, wie wenig man der Zentralperspektive bedarf, um zu überzeugenden, jedoch ganz anders funktionierenden Formen von Bildräumlichkeit zu gelangen, die entsprechend nicht auf die gleiche Weise gesehen, präsentiert, beleuchtet sein wollen und zur Konstitution grundsätzlich verschiedener „ikonischer Situationen“ Anlaß gegeben haben. Im Kolloquium soll die Bedeutung der älteren Bildgeometrie auch noch in der Renaissance-Malerei Italiens und des Nordens zur Geltung kommen.

Im Frühmittelalter entsteht ein bedeutender Corpus von Weltschemata und Erdkarten, oft aus den alten Modellen bei Isidor von Sevilla, Chalcidius und Macrobius entwickelt, der noch im 12. Jh. sehr lebendig ist (z.B. bei Wilhelm von Conchis), und dabei manchmal höchst aufwendig interpretiert und erweitert wird wie z.B. in den ganzseitigen Diagrammen bei Lambert von Saint-Omer, Joachim von Fiore, Hildegarde von Bingen. Diese Art von Diagramm ist wenig bildmäßig, vielmehr versuchen sie, graphisch-abstrakt eine Topographie zu suggerieren, ohne doch im modernen Sinne die Erde maßstabsgetreu zu kartieren. Diese Schemata und Karten scheinen in Ornamentik und  Architektur eine gewisse Rolle gespielt zu haben.

Seit dem 13. Jahrhundert, im Zuge der Ankunft des corpus aristotelicum und seiner arabischen Kommentare entsteht ein neuer Typus von diagrammatischer bzw. schematischer Darstellung, der sich dank verschiedener Vulgarisationen schnell europaweit verbreitet. Astronomische Handbücher wie das de sphaera des Johannes de Sacrobosco und populäre Enzyklopädien wie die Image du Monde des Gossuin de Metz oder das Livre du Trésor von Brunetto Latini, die z.T. künstlerisch anspruchsvoll illustriert sind, arbeiten diese neue Form graphischer Darstellung aus und verbreiten sie offenbar sehr schnell, wie aus der bloßen Anzahl der noch heute erhaltenen und bekannten Manuskripte (knapp 100 für Gossuin) hervorgeht. Diese Schemata zeichnen sich durch vier Eigenschaften aus: Man vereinfacht erstens die Geometrie der älteren Schematisierungen und bringt sie auf eine prägnante und einprägsame Formel. Zweitens zögert man nicht mehr, diese Schemata z.T. prunkvoll zu kolorieren und mit Ornamenten auszustatten. Man integriert drittens diese auch für sich selbst ansehnlich gewordenen Schemata in figürliche Darstellungen, etwa der Welterschaffung, und reduziert im gleichen Zuge die noch im 12. Jahrhundert oft recht ausführliche Beschriftung. Hierdurch werden die alten Schemata viertens zu plastischen Objekten sui generis.

Damit ist die Grundlage geschaffen für einen im Laufe des 14. Jahrhunderts entstehenden, Ende des 15. Jahrhunderts vollendeten neuen Bildtyp. Das alte Kreisschema der Erde und des Universums wird zu einer Kugel, in deren Mitte nun eine kreisrunde Fläche die Erde darstellt, überwölbt von einem Himmelszelt, wie dies etwa 1503 auf den Außenseiten des Gartens der Lüste von Hieronymus Bosch erscheint. Die Legende, nach der man im Mittelalter die Erde für eine Fläche gehalten haben soll, mag von solchen Darstellungen ihren Ausgang genommen haben.

Im Laufe des 16. Jahrhunderts veralten auch diese Bilder; die älteren Schematisierungen des Weltalls verlieren mit dem Ende des geozentrischen Weltbildes und der von Telesio, Galilei und Descartes vollzogenen Revolution der Physik ihren Sinn. Das hindert sie nicht, in alternativen, oft esoterischen Wissensdiskursen ein Nachleben zu beginnen, wie dies in den meist postumen Illustrationen zu Böhmes Werken und umfangreicher in den Schemazeichnungen, die Robert Fludds Schriften illustrieren, der Fall ist.

Programm

Mittwoch, 23. November 2016

13.30 Anreise

  • 14.00 Bruno Haas (TU Dresden/Paris 1) Einführung
  • 14.30 Jean-Claude Schmitt (EHESS, Paris) Pourquoi penser par figures?

16.00 Pause

  • 16.30 Karl Whittington (The Ohio State University) A Morphology of Trecento Lines: Sequence, Connection, and the Direction of Allegory

Donnerstag, 24. November 2016

  • 9.00 Bruno Haas (TU Dresden/Paris 1) Einführung in die Geometrie der Darstellung von locus und situs
  • 10.30 Anne Leturque (Université de Montpellier) Composer et mettre en place un décor au Moyen Âge : du manuscrit à la peinture monumentale

12.00 Mittagspause

  • 13.30 Thomas Le Gouge (TU Dresden/Université de Bourgogne) Charles de Bovelles et la fin du schématisme médiéval

15.00 Pause

  • 15.30 Sylvie Deswarte-Rosa (CNRS, UMR 5317 IHRIM, Ens de Lyon) La Semaine de la Création du Monde de Francisco de Holanda, 1545-1551. Schémas et diagrammes sous-jacents
  • 17.00 Michael Weichenhan (Humboldt Universität, Berlin) Weltdiagramme bei Fludd, Kircher und Böhme

Freitag, 25. November 2016

  • 9.00 Alessandro Scafi (Warburg Institute, London) Von der Regel der Nähe bis zur mathematischen Vermessung: Die Kartierung des Garten Eden im Europa des Mittelalters und der Frühen Neuzeit
  • 10.30 Isabelle Marchesin (INHA, Paris) Le Créateur du monde comme géomètre au haut Moyen Age

12.00 Mittagspause

  • 13.30 Megan McNamee (Center for Advanced Study in the Visual Arts, National Gallery of Art, Washington, DC) Geometrical Practice and Picturing Christ’s Dual Nature, c.1000

15.00 Pause

  • 15.15 Eliana Magnani (CNRS, UMR 8589 Lamop, Paris) Le ciboire du maître Alpais (vers 1200) : écriture de soi et géométrie du monde

Places

  • Residenzschloss, Schlosskapelle
    Dresden, Federal Republic of Germany

Date(s)

  • Wednesday, November 23, 2016
  • Thursday, November 24, 2016
  • Friday, November 25, 2016

Keywords

  • image, géométrie

Contact(s)

  • Thomas Le Gouge
    courriel : thomas [dot] le_gouge [at] tu-dresden [dot] de

Information source

  • Thomas Le Gouge
    courriel : thomas [dot] le_gouge [at] tu-dresden [dot] de

To cite this announcement

« The geometry of medieval images », Conference, symposium, Calenda, Published on Monday, November 21, 2016, https://calenda.org/384638

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